Audianer in der weiten Welt – Richárd Sipos

2026. 09. 21.

Bei Audi Hungaria wurde Richárd Sipos zunächst als „Hüter der Qualitätskosten“ bekannt, später hinterließ er im Bereich Meisterbock sowohl in Győr als auch in Ingolstadt bleibenden Eindruck. Nun sucht er sein Glück in Amerika.

Wann und wie bist du zu Audi Hungaria gekommen?

Mein Weg führte vom Jedlik Ányos Technikum über das Maschinenbaustudium an der Széchenyi István Universität praktisch direkt zu Audi Hungaria. 2001 bewarb ich mich für das Praktikantenprogramm des Unternehmens und wurde angenommen. Diese Zeit verlief so erfolgreich, dass ich bereits ab Mitte des folgenden Jahres fest ins Unternehmen übernommen wurde.

Da ich mich an der Universität auf Qualitätssicherung spezialisiert hatte, wählte ich auch meine Praktikumsstelle entsprechend aus und konnte später als Mitarbeiter im selben Bereich weitermachen. Fünf Jahre lang beschäftigte ich mich mit dem Qualitätsmanagementsystem und internen Audits und war sozusagen der „Hüter der Qualitätskosten“.

 

In welchen Bereichen unseres Unternehmens hast du anschließend gearbeitet?

Ich blieb zunächst in der Qualitätssicherung. Da ich mich jedoch nach „greifbareren“ Themen sehnte, wurde ich 2007 Teamkoordinator im CKD-Bereich. Wir waren für die Verpackungsqualität der an Kunden in Übersee gelieferten Motoren und Motorkomponenten verantwortlich, einschließlich der Bearbeitung von Reklamationen. Nach vier Jahren suchte ich eine neue Herausforderung und wechselte in das damals im Aufbau befindliche Fahrzeugwerk, genauer gesagt in den Bereich Meisterbock. Dort erwarteten mich spannende Aufgaben rund um Messtechnik und Geometrie. Und fast sofort auch ein Einsatz in Ingolstadt.

Im August 2011 wechselte ich in den neuen Bereich, und bereits ab Oktober war ich in der Audi-Zentrale, um die Prozesse kennenzulernen und zu erlernen, die wir für den Produktionsstart der Fahrzeugfertigung mit voller Fertigungstiefe in Győr im Jahr 2013 einführen mussten. In diesem Bereich beschäftigen wir uns mit dem harmonischen Zusammenspiel beziehungsweise der Passgenauigkeit der Bauteile. Unser Ziel ist es, dass diese bis zum Ende der Vorserie den Spezifikationen und Kundenanforderungen entsprechen. Mein erster Auslandseinsatz dauerte acht Monate. Sowohl die Neuartigkeit des Themas als auch der bairische Sprachraum stellten mich vor anspruchsvolle Herausforderungen. Doch die Arbeit unseres Teams war erfolgreich: Zum Produktionsstart der Audi A3 Limousine konnten wir in Győr einen umfassenden messtechnischen Prozess erfolgreich etablieren.

2015 waren bei uns die ersten vier großen Projekte abgeschlossen beziehungsweise angelaufen: neben der bereits erwähnten A3 Limousine auch weitere A3- und TT-Projekte. Gleichzeitig lief in Ingolstadt das aktuelle Audi-A4-Modell hoch. In dieser Situation kam es dort zu einer personellen Veränderung, für deren kurzfristige Lösung man mich auswählte. Hinter dieser für mich sehr ehrenvollen Anfrage stand die Tatsache, dass genau der Kollege den Bereich verlassen hatte, der mich zuvor eingearbeitet hatte. So ging es für mich erneut nach Ingolstadt, wo ich fast zwei Jahre lang dieselbe Tätigkeit ausübte wie zuvor in Győr.

Als ich zu Audi Hungaria zurückkehrte, begann ungefähr zu dieser Zeit der Hochlauf der vorherigen Q3-Generation. Daran war ich bereits als Spezialist für optische Analysen beteiligt. Auch wenn ich danach an mehreren Projekten und in unterschiedlichen Aufgabenbereichen arbeitete, änderte sich der Kern meiner Tätigkeit bis Februar 2026 nicht wesentlich.

 

Was geschah dann?

Ich startete einen dreijährigen Auslandseinsatz in den USA.

 

Wie hat sich diese Möglichkeit ergeben?

Im vergangenen Frühjahr wurde ich auf eine Stellenausschreibung aufmerksam, in der ein Meisterbock-Spezialist für das neu entstehende Werk von Scout Motors in South Carolina gesucht wurde.

Scout Motors ist ein amerikanisches Unternehmen, das mit finanzieller Unterstützung des VW-Konzerns eine neue Generation elektrischer SUVs auf den Markt bringen möchte und dabei den traditionellen Charakter der Marke bewahren will.

Ich habe mich beworben und mich sehr darüber gefreut, dass die Wahl auf mich fiel.

 

Was hat dich an diesem Auslandseinsatz gereizt?

Aus fachlicher Sicht vor allem die Möglichkeit, erneut beim Aufbau eines Meisterbock-Bereichs im Rahmen eines Greenfield-Projekts mitzuwirken. Damals beim Projekt in Győr war ich noch ein absoluter Neuling. Diesmal wollte ich mich mit zehn Jahren Erfahrung im Gepäck noch einmal einer ähnlichen Herausforderung stellen.

Als Familienvater reizte mich die Möglichkeit außerdem deshalb, weil es für unsere sechs, zehn und zwölf Jahre alten Söhne eine riesige Chance ist, eine amerikanische Schule zu besuchen und dabei Englisch zu lernen.

 

Wie wurdest du von deinen neuen Kollegen aufgenommen?

Ohne Übertreibung kann ich sagen: Sie haben schon sehnsüchtig auf mich gewartet. Seit meiner Auswahl standen wir in Kontakt und arbeiteten fast wöchentlich bereits beratend zusammen.

Ich wurde sofort ins Team aufgenommen. Das zeigte sich auch daran, dass uns die Kollegen sehr viel geholfen haben und unglaublich geduldig mit uns waren. Nach unserer Ankunft im Februar waren die ersten beiden Monate nämlich vor allem davon geprägt, bürokratische Hürden zu überwinden. Ohne die Unterstützung meiner amerikanischen Kollegen hätten wir die Situation wohl kaum so gut bewältigen können.

Auch darin zeigte sich der sogenannte „Scout Spirit“. Obwohl die Fachkräfte der neu entstehenden Teams aus unterschiedlichen Automobilunternehmen kommen, entwickelt sich sehr schnell die Einstellung, dass wir alle „am selben Strang und in dieselbe Richtung ziehen“.

 

Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen der dortigen und der heimischen Arbeitskultur?

Während Audi Hungaria deutlich mehr als 10.000 Mitarbeitende beschäftigt, sind wir hier derzeit etwa 1.500. Natürlich befinden wir uns erst am Anfang der Vorserie, aber auch später wird die Zahl der Beschäftigten voraussichtlich unter 5.000 bleiben.

Das ist ein erheblicher Unterschied, der sich auch in der Arbeitskultur bemerkbar macht. Man muss außerdem berücksichtigen, dass Scout Motors ein amerikanisches Werk mit amerikanischem Management ist, auch wenn ein erheblicher Teil der Prozesse aus dem VW-Umfeld stammt. Einige dieser Prozesse funktionieren bei einer derart geringen Mitarbeiterzahl allerdings nicht in der gewohnten Form.

Zur Unternehmensphilosophie und zum Arbeitsalltag gehört deshalb der „Scout Way“. Sein Grundgedanke lässt sich ungefähr so zusammenfassen: „Wir werden einen Weg finden, wir werden es lösen.“ In diesem Sinne müssen wir gemeinsam Lösungen finden und uns darauf einigen, wie wir unsere Prozesse gestalten.

 

Was sind derzeit deine täglichen Aufgaben?

Unser Bereich ist ziemlich vielseitig. Zu unseren Aufgaben gehört unter anderem die geometrische Überwachung der Produkte aus dem Karosseriebau, die sogenannte Serienmessung. Darüber hinaus sind wir für die Meisterbock-Prozesse sowie für die Qualifizierung der Passungen und Abmessungen der Bauteile verantwortlich. Dazu gehören sämtliche Außen- und Innenraumteile, die für den Kunden sichtbar sind. All diese Bauteile werden von uns geprüft. Wir führen geometrische 3D-Messungen durch, damit beim Start der Serienproduktion die Passgenauigkeit der Karosseriebauteile einwandfrei ist.

Damit verbunden ist unser dritter großer Aufgabenbereich, die geometrische Fahrzeuganalyse. Dabei untersuchen wir geometrisch bedingte Qualitätsabweichungen an Fahrzeugen, die vom Band laufen. Auch hier betrachten wir die Passgenauigkeit und erarbeiten Vorschläge für Lösungen, die in der Fertigung umgesetzt werden können. Derzeit arbeiten in unserem Bereich ausschließlich Spezialisten. Künftig wird es zu unseren Aufgaben gehören, neu hinzukommende Fachkräfte und Ingenieure auszubilden, damit sie die genannten Prozesse später selbstständig betreuen können. Und ganz nebenbei gesagt: Die europäischen und amerikanischen Qualitätsanforderungen miteinander in Einklang zu bringen, wird voraussichtlich keine einfache Aufgabe werden.

 

Werden neben der Ausbildung der neuen Kollegen noch weitere Aufgaben auf dich zukommen?

Davon gehe ich definitiv aus. Bisher gehörten beispielsweise die Innenraumteile aus dem Karosseriebau nicht zu meinem Verantwortungsbereich. Jetzt ist es an der Zeit, dass ich sozusagen „ins Auto einsteige“.

Das mache ich natürlich gerne. Inmitten einer neuen Fabrik, neuer Menschen und noch nicht existierender Prozesse kann und muss auch ich mich weiterentwickeln.

 

Worauf bist du in deiner bisherigen Karriere am meisten stolz?

Etwa um 2020 gelang es dem Messtechnikbereich in Győr, gemeinsam mit der Produktion des Werkzeugbaus in Ingolstadt eine Zusammenarbeit aufzubauen, die hinsichtlich ihrer Effizienz unter den Audi-Standorten einzigartig war. Während meines Aufenthalts dort begann der Aufbau einer Kooperation rund um optische Messungen und die Analyse der daraus gewonnenen Daten.

Der Schlüssel zum Erfolg bestand darin, dass wir uns gegenseitig als Partner behandelten und Vertrauen in die Messergebnisse und fachlichen Einschätzungen des jeweils anderen hatten. Besonders stolz macht mich, dass diese Partnerschaft bis heute besteht.

 

Was motiviert dich bei deiner Arbeit am meisten?

Mich motiviert, dass ich mit meiner gesammelten Erfahrung und meinem aufgebauten Netzwerk die Arbeit des jeweiligen Bereichs so effizient wie möglich unterstützen kann.

Natürlich gab und gibt es sowohl bei den fachlichen Aufgaben als auch in der zwischenmenschlichen Zusammenarbeit immer wieder Neues, an das man sich anpassen muss. Wenn es jedoch gelingt, die gemeinsam festgelegte Richtung, die Verantwortlichkeiten und die definierten Prozesse konsequent einzuhalten, führt dies meiner Erfahrung nach immer wieder zu erfolgreichen Projekten.

 

Welche persönlichen und fachlichen Eigenschaften sind deiner Meinung nach unverzichtbar, um während eines Auslandseinsatzes erfolgreich zu sein? Was würdest du Kollegen empfehlen, die sich gerade auf einen solchen Einsatz vorbereiten?

Einen Teil bringt für mich ein amerikanischer Vorgesetzter mit einem seiner Leitsätze perfekt auf den Punkt: „Sei bescheiden, aber verschaffe dir Gehör. Nutze deine Chancen, aber tue dies so, dass du die Verantwortung für deine Handlungen und deine Worte übernimmst.“

Der andere Teil betrifft die Familie. Wer sich auf eine solche Aufgabe vorbereitet, sollte sich darauf einstellen, dass die Eingewöhnung für jedes einzelne Familienmitglied viel Zeit, Energie und Geduld erfordert, allerdings für jeden in unterschiedlichem Ausmaß. Darüber hinaus ist die Herstellung eines ausgewogenen Familienlebens und eines „stabilen familiären Rückhalts“ eine große Aufgabe, die man letztlich selbst bewältigen muss. Erst nach einigen Monaten konnten wir sagen, dass wir alle wirklich angekommen sind. Dafür bin ich meiner Frau Krisztina sehr dankbar.

Wir sind beide Audianer. Wir waren bereits früher jeweils allein und auch gemeinsam innerhalb Europas im Auslandseinsatz, doch das Leben auf der anderen Seite des Atlantiks ist etwas völlig anderes. Auf die kulturellen Unterschiede, die Vielfalt und die andere Mentalität kann man sich zu Hause nicht vollständig vorbereiten. Gleiches gilt für den Umgang mit der Zeitverschiebung im Kontakt mit Eltern, Verwandten und Freunden.

 

Wie verbringt ihr eure Freizeit? Was habt ihr in der Umgebung bisher gesehen?

Wir wohnen in Lexington, in der Nähe von Columbia, der Hauptstadt von South Carolina. Von dort sind es etwa 40 Minuten mit dem Auto nach Blythewood, wo sich das Werk befindet.

Columbia hat rund 135.000 Einwohner und ist damit von der Einwohnerzahl her ungefähr mit Győr vergleichbar. Die Stadtstruktur ist allerdings völlig anders, denn Columbia erstreckt sich über ein riesiges Gebiet. Sobald man seine unmittelbare Wohngegend verlassen möchte, muss man ins Auto steigen. Während man zu Hause innerhalb der Stadt praktisch überall zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinkommt, ist das hier nicht möglich.

Öffentliche Verkehrsmittel gibt es praktisch nicht. In diesem Sinne funktioniert eigentlich nur der Schulbus, der uns bei der Mobilität der Kinder allerdings eine enorme Hilfe ist.

Den Jungs gefällt sowohl das als auch die englische Sprache immer besser. Sehr begeistert waren sie auch von unserem mehrtägigen Ausflug nach Charleston an der Atlantikküste. Dort liegt die USS Yorktown, ein Flugzeugträger, der im Zweiten Weltkrieg in der US Navy diente und seit mehr als einem halben Jahrhundert eine der wichtigsten Attraktionen des Patriots Point Naval & Maritime Museum ist. Ein weiteres fest eingeplantes Reiseziel war Florida. Gleichzeitig versuchen wir natürlich, auch die nähere Umgebung zu entdecken. Da wir Naturliebhaber sind, erkunden wir sehr gerne die Parks und Seenlandschaften der Region.

 

Was vermisst du von zu Hause am meisten?

Brot und selbst gebrannten Pálinka. Ersteres ist allerdings kein allzu großes Problem, denn eines meiner Hobbys ist das Brotbacken. Natürlich vermissen wir auch unsere Verwandten und Freunde sowie unsere gewohnten Freizeitaktivitäten. Als Ausgleich habe ich zu Hause häufig Bogenschießen gemacht, außerdem sind meine Frau und ich oft Squash spielen gegangen.

Squash ist hier nahezu unbekannt, aber vor Kurzem haben wir tatsächlich einen kleinen, etwas versteckten Squashclub gefunden.

Gleichzeitig versuche ich, auch die bei Amerikanern beliebten Sportarten kennenzulernen, sei es Baseball oder Golf.

 

Wie plant ihr eure Heimreisen? Wie häufig möchtet ihr nach Hause kommen?

Unsere erste Heimreise wird aller Wahrscheinlichkeit nach erst im kommenden Sommer stattfinden.

Ein Grund dafür ist natürlich die große Entfernung. Ein anderer ist, dass wir den Lernprozess der Kinder beim Englischen nicht unterbrechen möchten. Sie lernen die Sprache mit zunehmendem Tempo. Deshalb schicken wir sie lieber zu zusätzlichen Unterrichtsstunden, anstatt nach Hause zu reisen, wo sie vermutlich einiges von dem vergessen würden, was sie hier gelernt haben.

Und im Winter ist das Wetter hier so angenehm, dass wir uns ehrlich gesagt nicht wirklich nach der Kälte zu Hause sehnen.

 

Könntest du dir vorstellen, auch nach Ablauf deines Auslandseinsatzes weiterhin im Ausland zu leben?

Das ist im Moment schwer zu beantworten. Ein Auslandseinsatz ist zweifellos eine außergewöhnliche Chance. Mit drei schulpflichtigen Kindern erfordert ein solcher Schritt allerdings eine sehr viel gründlichere Vorbereitung.

Gleichzeitig stimmt aber auch, dass ein Auslandseinsatz jedes einzelne Familienmitglied um Wissen und Lebenserfahrung bereichert, die durch nichts anderes ersetzt werden können.

Das ist etwas, das man selbst erleben muss.

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