Audianer in der weiten Welt - Barnabás Palavics

2026. 06. 29.

Mit seiner Arbeit und seinem Lebensstil ist Barnabás Palavics ein echtes Vorbild. Er wird von Herausforderungen angetrieben und von unerwarteten Situationen motiviert. Als echter Weltbürger könnte er sich mittlerweile in drei Ländern zuhause fühlen – doch seit einiger Zeit verbindet er den Begriff „Zuhause“ nicht mehr mit einem Ort, sondern mit einer Person. Ein Interview aus Wolfsburg – zwischen Bedarfen und Kapazitäten sowie zwischen Toronto und Győr …

Wo und wie hast du die Jahre vor deiner Audi-Zeit verbracht?

Ich wurde in Kaposvár geboren, doch kurz danach zog meine Familie nach Győr um, wo ich auch zur Schule ging. Nach dem Révai-Miklós-Gymnasium führte mich mein Weg an die Corvinus-Universität Budapest, wo ich Finanz- und Rechnungswesen studierte. Im zweiten Studienjahr beschlossen meine Eltern, ihr Leben in Kanada fortzusetzen. Zu dieser Zeit wurde mir immer klarer, dass auch ich etwas ändern musste, deshalb kehrte ich von der Hauptstadt nach Győr zurück. Dort schloss ich schließlich mein Bachelorstudium im Bereich Handel und Marketing an der Széchenyi-István-Universität ab. Parallel dazu erhielt ich 2014 die Möglichkeit, als Praktikant im Finanzbereich der Audi Hungaria einzusteigen.
 

Hast du das Unternehmen bereits bei deiner Bewerbung als deinen späteren Arbeitsplatz gesehen?

Ja. Während meines Praktikums im Finanzbereich wurde mir immer deutlicher, dass ich mir meine Zukunft langfristig bei Audi vorstellen kann. Das Schicksal wollte es so, dass es nach meinem Abschluss im Bereich Motorlogistik mehrere offene Disponentenstellen gab und ich zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen wurde. Aufgrund meines Studiums im Bereich Handel und Marketing erschien mir die Logistik sehr attraktiv. Dass dies die richtige Entscheidung war, zeigt sich auch darin, dass ich berufsbegleitend an der Universität in Győr einen Masterabschluss in Logistikmanagement erworben habe.
 

Wie hat sich deine Laufbahn bei Audi Hungaria danach entwickelt?

Die Position als Disponent übte ich ab Frühjahr 2015 knapp zwei Jahre lang aus, danach erhielt ich die Möglichkeit, innerhalb der V6-Serienlogistik in das Programmplanungsteam zu wechseln. Im Bereich der mechanischen Programmplanung war ich für die Planung der Produktionsprogramme der sechszylindrigen mechanischen Produktionslinien verantwortlich. Dies erforderte eine kontinuierliche Abstimmung mit den betroffenen Linien, schnelle Reaktionen auf mögliche Änderungen der Kundenbedarfe sowie die Nachverfolgung der termingerechten Materialanlieferungen.

Besonders gefallen haben mir die Vielfalt und Abwechslung dieser Tätigkeit, und auch der Kontakt zu internationalen Lieferanten hat wesentlich zur Verbesserung meiner Sprachkenntnisse beigetragen. Im Laufe der Zeit wurde neben der Programmplanung auch das Bedarfs- und Kapazitätsmanagement (BKM) Teil meines Aufgabenbereichs. In diesem Prozess analysieren wir die aktuellen und zukünftigen Kundenbedarfe und gleichen diese mit den verfügbaren Kapazitäten ab. Die Ergebnisse der langfristigen Optimierungsprozesse musste ich zunehmend auch vor deutschen Führungskräften präsentieren, was nicht nur meine fachliche Entwicklung, sondern auch mein Selbstvertrauen gestärkt hat.

 

Wie kam es zu der Möglichkeit einer Entsendung ins Ausland?

Im Rahmen der Leistungsbeurteilungen habe ich signalisiert, dass ich gerne eine Auslandsentsendung übernehmen würde. Da meine Familie in Toronto lebte, hätte es für mich auch keine besondere Herausforderung bedeutet, nicht in Ungarn zu arbeiten. Im Frühjahr 2019 konnte ich erfolgreich an einem Vorstellungsgespräch in Wolfsburg teilnehmen, sodass meine Entsendung zum 1. Januar 2020 beginnen konnte.

 

Warum hast du die Entsendung angenommen? Was hat dich daran gereizt?

Vor allem die Herausforderung und die Möglichkeit, Neues zu erleben, haben mich gereizt. Und natürlich auch der Wunsch, den ich schon lange hatte: einmal im Ausland zu arbeiten.

 

Worauf bist du in deiner Győrer Karriere am meisten stolz?

Darauf, Schritt für Schritt so viel erreicht zu haben und in jeder Herausforderung eine Chance gesehen zu haben. Seit meine Familie 2011 nach Kanada gezogen ist, hat sich in mir – vielleicht unbewusst – das Gefühl verfestigt, dass ich mich in erster Linie auf mich selbst verlassen muss. Gleichzeitig bin ich ein Teamplayer – nicht nur im Sport, denn ich habe zwölf Jahre lang auf Vereinsebene Basketball gespielt, sondern auch im Beruf.

Vom ersten Tag im Unternehmen an habe ich versucht, meinen Teil zu jeder Aufgabe beizutragen und durch gegenseitige Unterstützung stabile Arbeitsbeziehungen aufzubauen, auf die ich mich bis heute verlassen kann. Darauf bin ich ebenso stolz wie auf die Tatsache, dass sich meine Deutschkenntnisse, die ich bereits im Gymnasium erworben habe, hier deutlich weiterentwickelt und gefestigt haben.

 

Es ist offensichtlich, dass dich Herausforderungen antreiben – aber was motiviert dich konkret bei der Arbeit?

Vor allem Neues und unerwartete Situationen. Ich arbeite sehr gerne in Momenten, in denen etwas von den gewohnten Abläufen abweicht und schnell eine Lösung gefunden werden muss. Es motiviert mich außerdem, dass ich mit meiner Einstellung auch andere bei der Arbeit inspirieren kann – ebenso wie durch die kontinuierliche Weiterentwicklung und die bewusste Ausrichtung auf einen gesunden Lebensstil im Alltag.

Mein Grundsatz ist: Lebe so, dass du auch für andere ein Vorbild bist!

 

Wie war dein Arbeitsbeginn in Wolfsburg im Schatten von Covid?

Mir kam zugute, dass vor mir bereits ein Kollege aus dem Bereich Logistik aus Győr in Wolfsburg gearbeitet hatte und damit eine gute Basis für die Zusammenarbeit zwischen den beiden Teams geschaffen wurde. Ich habe versucht, das Werk mit seinen rund 65.000 Mitarbeitenden möglichst schnell kennenzulernen – fast so, als hätte ich geahnt, dass mir wenig Zeit bleiben würde, mich an das neue Leben zu gewöhnen.

Drei Monate nach meiner Ankunft stand die Welt praktisch still: Ich war allein in meiner Wohnung und arbeitete im Homeoffice. Eine Zeit lang konnte ich auch nicht nach Ungarn reisen, und als es schließlich wieder möglich war, verbrachte ich zwei Wochen in Quarantäne bei meinen Großeltern. Das war mental eine sehr herausfordernde Phase, die mir gleichzeitig die Möglichkeit gab, mich selbst noch besser kennenzulernen.

In dieser Zeit hat mir auch meine Leidenschaft fürs Lesen sehr geholfen. Mein Grundsatz ist es, täglich etwa eine halbe Stunde dafür einzuplanen. In der Regel lese ich parallel zwei bis drei Bücher – auf Englisch, Deutsch und Ungarisch.

 

In welcher Position bist du nach Wolfsburg gekommen? Wo arbeitest du aktuell und was gehört zu deinen täglichen Aufgaben?

Ich habe zunächst weiterhin im Bereich Bedarfs- und Kapazitätsanalyse gearbeitet, allerdings nicht mehr für eine einzelne lokale Produktionslinie, sondern für die gesamte Zylinderkopfproduktion des Konzerns in Europa. Nach zwei Jahren habe ich letztlich dieselbe Aufgabe im Bereich der elektrischen Antriebe übernommen.

In dieser Rolle musste ich wiederholt auch ausgesprochen kritische Themen vor Markenverantwortlichen präsentieren – aus diesen Erfahrungen habe ich sehr viel gelernt. Unter anderem, dass ich, wenn ich fachlich gut vorbereitet bin und die Zahlen für mich sprechen, selbstbewusst und offen vor Führungskräften auftreten kann – zumal wir letztlich alle dasselbe Ziel verfolgen: eine Lösung für das jeweilige Problem zu finden.

Diese Phase dauerte zwei Jahre, danach folgte eine Assistenzfunktion, durch die ich gezielt auf meine heutige Rolle als Koordinator vorbereitet wurde. Seit dem vergangenen Jahr koordiniere ich ein sechsköpfiges Team, das für die Versorgung von Getrieben und elektrischen Antrieben in Europa verantwortlich ist. Eine spannende Aufgabe mit vielen neuen Herausforderungen.

 

Wie ist dein Verhältnis zu deinen Kolleginnen und Kollegen vor Ort?

Ich werde nie vergessen, dass sie mich in einer Zeit, in der wir uns kaum kannten, während der Covid-Phase unglaublich unterstützt haben. Sie haben sich regelmäßig online bei mir gemeldet und, als sich die Situation entspannte, auch immer wieder zu persönlichen Treffen eingeladen.

Das oft gehörte Vorurteil, dass Deutsche eher distanziert seien, hat sich gerade in der Zeit der vorgeschriebenen Distanz völlig aufgelöst. Es sind echte Freundschaften entstanden, was vielleicht auch deshalb bemerkenswert ist, weil ich als Anfang Dreißigjähriger zu den jüngsten Teammitgliedern gehörte.

Von Anfang an wurde meine Offenheit ebenso geschätzt wie mein fachliches Wissen – das in gewisser Weise auch erwartet wurde. Denn Audi Hungaria gilt im Bereich Bedarfs- und Kapazitätsplanung klar als Benchmark, und die Arbeit aus Győr wird auf diesem Fachgebiet als vorbildlich angesehen.

 

Welche persönlichen und fachlichen Eigenschaften sind deiner Meinung nach entscheidend, um sich während einer Entsendung erfolgreich zurechtzufinden?

Mut ist dabei ganz entscheidend. Ohne ihn können wir uns leicht selbst im Weg stehen. In vielen Situationen hängt der Erfolg davon ab, ob wir in der Lage sind, negative Gedanken bewusst auszublenden und uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Natürlich ist auch Fachwissen wichtig – aber vieles lässt sich erlernen, wenn die Bereitschaft und die nötige Ausdauer vorhanden sind. Darüber hinaus ist Anpassungsfähigkeit unerlässlich, denn es kann jederzeit Unerwartetes passieren.

 

Wie verbringst du deine Freizeit?

Sport spielt für mich weiterhin eine zentrale Rolle. Meine neue Leidenschaft ist CrossFit, wodurch sich auch ein neuer Freundeskreis entwickelt hat.

Und wenn wir schon von Leidenschaft sprechen: Vor vier Jahren habe ich hier meine deutsche Partnerin kennengelernt, mit der ich inzwischen zusammenlebe. Da ich aktive Erholung bevorzuge, sind wir viel unterwegs in der Natur. Zu Ostern haben wir beispielsweise vier Tage in Österreich gewandert.

In der Region zählt das Harzgebirge zu unseren Favoriten, ebenso wie Hamburg. Besonders die von Kanälen durchzogene Innenstadt der zweitgrößten Stadt Deutschlands begeistert uns, ebenso wie die kulinarische Vielfalt.

Für den Sommer planen wir eine Autoreise durch Nordeuropa. Und natürlich halte ich auch den Kontakt zu meinen Freunden in Ungarn aufrecht: Jedes Jahr gehen wir gemeinsam Snowboarden in Frankreich, und auch die verlängerten Wochenenden am Balaton gehören fest dazu.

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Könntest du dir vorstellen, nach Ablauf der Entsendung weiterhin im Ausland zu leben?

Ich kann mir definitiv vorstellen, langfristig im Ausland zu leben – auch weiterhin in Wolfsburg, da mich sowohl die Aufgabe als auch das Umfeld sehr ansprechen.

Oft denke ich darüber nach, wo mein Zuhause eigentlich ist. Ich war 20 Jahre alt, als meine Eltern nach Kanada gezogen sind, und lebe inzwischen seit sechs Jahren in Deutschland, während meine Großeltern und Cousins in Ungarn leben, wo ich aufgewachsen bin. Manchmal habe ich das Gefühl, drei Zuhause zu haben, und mein Leben besteht aus ständigem Abschiednehmen und Ankommen. Und manchmal denke ich, dass ich gar kein einzelnes Zuhause habe, weil ich mich überall zuhause fühle – eher wie ein Weltbürger.

Inzwischen steht jedoch das gemeinsame Leben und die gemeinsame Zukunft mit meiner Partnerin im Mittelpunkt. Deshalb ist mein Zuhause dort, wo sie ist.

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